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Der geborene Kritiker

aus DER SPIEGEL 9/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schauspieler sagen zuweilen, Theaterkritiker - jedenfalls solche, die das Theater lieben - seien verschmähte Liebhaber der Bühne. Andere vergleichen den Kritiker mit dem Eunuchen. Er weiß, wie es gemacht wird, sagen sie, aber er kann es nicht.

Dazu sagen andere: In Stuttgart ist der Theaterkritiker K. H. Ruppel Schauspieldirektor. Walter Kordt, ehemals am Düsseldorfer Mittag«, inszeniert in Wuppertal und München a. G. Rudolf Bach von der einstigen Frankfurter Zeitung ist Chefdramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel. Die Reihe kann fortgesetzt werden.

Mit Herbert Ihering z. B. Ihering ist heute 60 Jahre. Seine niedersächsische Abstammung (er ist aus Springe am Deister) hat ihn nicht gehindert, in seiner Laufbahn ein starkes kritisches Temperament zu entwickeln. Er war lange Zeit Kritiker des Berliner Börsenkuriers und Mitarbeiter der »Weltbühne«. Mit Elan setzte er sich für den beginnenden Bert Brecht ein.

Nach 1933 war er Kritiker des Berliner Tageblatts. Seine Tätigkeit dort hat nicht einmal so lange gedauert, wie die Zeitung bestehen durfte. Schon vorher verbot Goebbels ihm, als »Kunstbetrachter« tätig zu sein. Ihering war nie Kunstbetrachter gewesen. Er war stets Kritiker geblieben.

Ihering wurde Besetzungschef einer großen Film-Produktion. Nach außen drang wenig von ihm. Auch als er Chefdramaturg der Wiener Burg geworden war, stand er für die Oeffentlichkeit etwas im Hintergrund.

Dem geborenen Kritiker saß das Schreiben im Blut. Seine Beiträge zur Theatergeschichte entstanden, die Bücher »Von Josef Kainz bis Paula Wessely« und »Käthe Dorsch«.

Ihering hat am Theater, wie man dort sagt, »Blut geleckt« und ist heute Chefdramaturg an Max Reinhardts Deutschem Theater zu Berlin. Das Schreiben hat er nicht lassen können, seine »Berliner Dramaturgie"*) ist jetzt erschienen.

Das ist ein sehr aufschlußreiches, glänzend geschriebenes Buch. Ihering schildert und deutet alle Stadien, welche die Bühnen der einst ersten Theaterstadt Europas durchliefen. Von Gerhard Hauptmann über Max Reinhardt und Oscar Sauer bis zu Gründgens, Fehling und Erich Engel wird am Beispiel des Dichters, Regisseurs und Schauspielers die Entwicklungslinie gezeigt.

Ihering erkennt, daß die deutschen Bühnen im Begriff sind, vom Ensemblegedanken abzugehen, und erklärt: »Die deutschen Bühnen werden nur sein, wenn sie auf dem Ensemblegedanken und dem Bekenntnis zum gemeinsamen Erlebnis, zur gemeinsamen Lebens- und Kunstanschauung aufgebaut sind - oder sie werden nicht sein.«

Er fragt, warum die deutschen Verlage so viele Neuauflagen alter Werke herausbringen. »1948 wird Brecht 50 Jahre alt. In Amerika erscheint eine englische Ausgabe. Warum nicht in Deutschland eine in der Sprache, in der sie geschrieben sind?«

Ihering schreibt über die neuen Stücke von Anouilh, Brecht, Zuckmayer, Saroyan, Wilder, Sartre und Ardrey. Er weiß, daß sie nicht Schöpfungen des letzten Maßstabes sind und oft zu einer Auflösung der Form tendieren. »Ich wiederhole, daß diese Stücke gespielt werden sollen. Wir brauchen die Auseinandersetzungen mit den Zertrümmerern der Form.«

Neben Brechts neuen Dramen erscheinen Wilders »Wir sind noch einmal davongekommen« und vor allem Sartres »Die Fliegen« Ihering als die bedeutendsten Neuerscheinungen. Er schließt:

»Das sei die Widerstandsbewegung unserer Bühnen: solchen Dichtungen ins Medusenantlitz zu blicken, den Schrecken zu überwinden und aus der Vernichtung noch Kraft zu gewinnen.«

*) Herbert Ihering: »Berliner Dramaturgie«. Aufbau-Verlag G. m. b. H. Berlin. 3,90 RM.

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